Die Geister, die wir riefen – Krieg unter Gesellschaftern

21.01.2020 – Als ein neuer Minderheitsgesellschafter in einem europäischen Industrieunternehmen anfing, immer wieder gegen den Hauptgesellschafter zu agitieren, hatte dieser irgendwann genug und ließ Ermittler auf ihn los. Die legten eine Kette aus Indizien und Verbindungen offen, die am Ende sogar die Kartellbehörde überzeugte, dass hier etwas faul war.

Das Problem der RenDecker Industries S.A.* war nicht ein erfolgloses Geschäftsmodell. Es war vielmehr, nach den Worten ihres neu eingestellten CEOs, „dass wir finanziell ausbluten wie ein angestochenes Rind.“ Die Overhead-Kosten des Unternehmens waren über die Jahre außer Kontrolle geraten: zu viel Personal, zu wenig Effizienz, obendrein noch bei jeder Gelegenheit VIP-Events und Luxus-Reisen. Entstandene Liquidität wurde dadurch sofort aufgezehrt, Reinvestitionen ins Unternehmen waren nicht möglich.

Da klang das Hilfsangebot eines Wettbewerbers, einem wesentlich größeren Konzern aus dem Nachbarland, erstmal gut: Der Konzern wäre bereit, einen Anteil von 15% an der RenDecker zu erwerben und dafür eine erhebliche Summe zu zahlen. Seinen Anteil weiter aufstocken wolle der Konzern nicht, auch nicht langfristig. Das Geld gebe es cash auf die gebeutelten Geschäftskonten. Damit könnte RenDecker endlich wieder in die so wichtigen Produktionsmittel investieren.

„We have a deal“

Nur auf die Neubesetzung von ein paar Managementposten legte der neue Gesellschafter wert. Und das erwies sich als Einfallstor, durch das er dem Unternehmen zunehmend Sand ins Getriebe streute. Dem CEO und seinem Mehrheitsgesellschafter schwante es langsam, dass es sich hier schlicht um Sabotage, gezielte Lähmung der Konkurrenz, handelte. Aber wie die Geister wieder loswerden, die sie gerufen hatten?

Da war beim Kauf eine Auffälligkeit gewesen… Der Konzern hatte beim Erwerb seines 15%-Anteils eine Offshore-Gesellschaft als Kaufvehikel benutzt. Die Gründe waren nie plausibel erklärt worden. Jetzt im Nachhinein fragte sich der Mehrheitsgesellschafter, ob es vielleicht damit zu tun hatte, dass die zuständige Kartellbehörde nichts davon wissen sollte, dass der Konzern sich weiter im europäischen Markt ausbreitete. Nach einigen Erkundigungen stellte sich dies als die wahrscheinlichste Erklärung heraus.

Aber wie beweisen, dass die Offshore-Firma verdeckt von dem Konzern kontrolliert wurde? Es gab keine Korrespondenz dazu. Ermittler wurden eingeladen und der Hauptgesellschafter fragte: „Können Sie das herausfinden?“

Die Panama Connection

Ausgangspunkt war das Kaufvehikel, eine Briefkastenfirma in Panama. Gegründet schon vor 20 Jahren, verwaltet von alteingesessenen Treuhändern in Panama City, nennen wir sie „Castro & Ramirez“*. Sowie ein italienischer Rechtsanwalt, der den Deal über seine Kanzlei in Mailand abwickelte und ein alter Freund des Konzerneigentümers war. Nicht gerade viel, aber immerhin.

Als erstes drehten die Ermittler die involvierten Treuhänder, den Anwalt und den Konzerneigentümer auf links: Geschäftshistorie, Beteiligungen, Organschaften, Publikationen, Pressearchive, Verbandsmitgliedschaften, Soziale Medien – das volle Spektrum in öffentlichen Quellen. Der italienische Anwalt stammte aus einer weit verzweigten adeligen Familie, deren Mitglieder dank fleißiger Genealogen über 400 Jahre zurück nachvollziehbar waren. Darunter gab es Banker, Rechtsanwälte, Geistliche, Militäroffiziere und noch mehr Banker. Der Familienname tauchte seit den 1970er Jahren unter den Direktoren von Briefkastenfirmen in Panama auf. Nicht alle der Firmen wurden von Castro & Ramirez verwaltet, aber einige. Ein erstes Indiz.

Nächster Schritt: ein Background Check zum Konzern, seiner Historie und seinen Veränderungen über fünf Jahrzehnte. Dabei stießen die Ermittler auf ein Patent des Konzerns, das er in Panama angemeldet hatte. Beantragt 1982, eingereicht durch die ehrenwerten Gentlemen von Castro & Ramirez. Konzern und Treuhänder kannten sich also schon vor 35 Jahren…

Der Kreis schloss sich dann endgültig mit einem Besuch in Italien: An mehreren Firmensitzen, an denen der Mailänder Anwalt aktiv war, stellten sich wiederum Querverbindungen zu Castro & Ramirez dar. Offenbar kooperierten die Kanzleien in Mailand und Panama schon seit Jahrzehnten.

Bewaffnet mit einem Verflechtungsschaubild reichte der Hauptgesellschafter Klage vor Gericht und Beschwerde beim Kartellamt ein: der Share Deal sei illegal zustande gekommen.

„Die Chance auf Erfolg ist gering. Aber versuchen wir es“, hieß es unter den Beteiligten.

Zwei Jahre später kam die Nachricht: Das Kartellamt hielt die Indizien für ausreichend und ordnete die Rückabwicklung des Anteilsverkaufs sowie eine Strafzahlung an. Falsche Angaben des Konzerns bei der Kontrolle der Transaktion, lautete die Begründung.

Der Hauptgesellschafter erhielt unerwartet seine ganze Firma zurück. Der Spuk war vorbei, die Geister ausgetrieben.

*Name aus Vertraulichkeitsgründen geändert

Der Autor, Sebastian Okada, ist Prokurist und Leiter Ermittlungen & Prävention Wirtschaftskriminalität bei Corporate Trust. Er führt seit mehr als 15 Jahren komplexe Ermittlungen im Auftrag von Unternehmen und Privatpersonen und hilft ihnen, Lösungen für Bedrohungen und entstandene Schäden zu finden. Verdeckte Verbindungen zwischen Personen oder Firmen zu finden, gehört zu seinen Spezialgebieten.

E-Mail: okada@corporate-trust.de

Tel. +49 89 599 88 75 80

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